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"Auch wir sind entwicklungsbedürftig"

Entwicklungstagung in Gießen

Botschaft der Entwicklungstagung in Gießen: Alle sind Teil eines Ganzen.

Entwicklungsexperten aus Mexiko, Uganda, Indien, Großbritannien und Deutschland waren vom 22.-25. Juni auf Einladung der Evangelischen Kirche in Gießen. Bei der Tagung „Gießen local global“ ging es um Wege zu Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt. Im Mittelpunkt stand die sogenannte Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Darin haben sich alle Staaten der Welt verpflichtet, bis zum Jahr 2030 die Ursachen von Armut zu bekämpfen und sich für den Schutz von Umwelt und Klima, Gesundheit, Bildung, Wasser, Energie und Arbeit einzusetzen.

Eine Schlange windet sich durch die Werkstattkirche in der Gießener Nordstadt. Am Kopf singt und tanzt eine zierliche Mexikanerin: „Willst du Teil der Schlange sein?“. Schließlich folgen alle. Laila Sabagh demonstriert, wie sie Kindern in ihrer Heimat spielerisch vermittelt, dass alle Menschen auf der Welt an einem Strang ziehen. Bereits im Kindergarten zeigt sie, was die abstrakte Agenda 2030 mit ihnen zu tun hat. „Kinder verstehen, wie sie in kleinen Schritten die Welt verändern können.“ Sie reagieren sehr empfindsam auf Missstände, etwa auf Gewalt oder Schmutz in ihrer Lebenswelt. Laila leitet sie an, ihre Umwelt zu schützen und sich friedfertig zu verhalten. Vor allem vermittelt sie ihnen, dass ihr praktisches Handeln Teil einer globalen Veränderung ist.

 

Flüchtlingsströme überall auf der Welt

Vier Tage lang haben die rund 30 Tagungsteilnehmer von ihrer Arbeit berichtet, nachgefragt und gelernt, ihre Erfahrungen in einem weltweiten Zusammenhang zu sehen. Etwa die kirchlichen Flüchtlingsberaterinnen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und Dekan Frank-Tilo Becher, der die Flüchtlingsberatung mitverantwortet. Sie haben Jean Asipkwe zugehört. Als Direktorin einer Entwicklungsorganisation ist sie für die Bewältigung großer Flüchtlingsströme im Norden Ugandas verantwortlich. Täglich kommen 2000 Flüchtlinge aus dem Südsudan ins Land, um vor Terror und Bürgerkrieg Schutz zu suchen. Die Menschen seien willkommen, könnten aber aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Uganda nur mit dem Nötigsten versorgt werden. „Wir geben ihnen zu Beginn Nahrung und versorgen sie ärztlich. Dann erhalten sie ein Stückchen Land und eine Plane gegen den Regen. Anschließend müssen sie sich selbst versorgen“, berichtet Jean Asipkwe.

 

"Warum suchen wir uns nicht unter Flüchtlingen Experten?"

Flucht und Bevölkerungswanderung sieht der Gießener Dekan nach der Tagung neu. „Es ist ein weltweites Phänomen, seit es Menschen gibt.“ Das Gefühl, das Gießen ein „Brennpunkt der weltweiten Fluchtbewegung“ sei, nimmt ab, angesichts der Berichte über Flüchtlingsströme innerhalb Afrikas. Vor allem wisse er nun, dass „Deutschland vor den gleichen Aufgaben steht wie Uganda“. Mit Interesse hat er von Jean Asipkwe gehört, wie sie unter den Flüchtlinge Multiplikatoren heranzieht, die anderen helfen, sich zu integrieren. Nach der Tagung fragt er sich außerdem: „Warum holen wir uns für eine Fachtagung Experten aus anderen Kontinenten und suchen uns nicht stattdessen Fachleute unter den Flüchtlingen in und um Gießen?“

 

Theaterspiel erklärt wie Deutsche ticken

Aber auch Jean Asipkwe hat neue Erfahrungen gewonnen. In der HEAE besuchte sie einen vom Evangelischen Dekanat geförderten Integrationskurs mit Theaterspiel. In kurzen Szenen wird Asylsuchenden vermittelt, wie Deutschland und Deutsche ticken. „Uganda ist natürlich anders, aber auch wir brauchen solche Angebote, die Flüchtlingen helfen, die Werte und Regeln des Aufnahmelands zu verstehen.“ Das will sie jetzt in ihrer Heimat verwirklichen.

 

Lernen und Austausch auf Augenhöhe

Gegenseitiges Lernen und Austausch auf Augenhöhe zwischen Menschen aus verschiedenen Kontinenten zu den Themen Migration, Arbeit und Gemeinwesenarbeit. So war die Entwicklungstagung im Rahmen des Reformationsjubiläums im Evangelischen Dekanat Gießen gedacht. „Martin Luther hat vor 500 Jahren gelehrt, dass Christen sich nicht durch milde Gaben von der persönlichen Verantwortung für ihr Handeln vor Gott freikaufen können“, sagt Dr. Ulrich Müller. Er gehört zur Thomasgemeinde in Gießen und arbeitet bei der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“. Müller hat die Tagung initiiert. Reformation bedeutet für ihn, Entwicklungspolitik so zu gestalten, dass es mehr bewirkt als ein ruhiges Gewissen in den wohlhabenden Ländern. „Als Christen sind wir zu Veränderungen, zu Reformen, aufgerufen.“

 

Agenda 2030 der Vereinten Nationen ist täglicher Aufgabenkatalog in den Slums

Dem stimmt Rolvin D'Mello, katholischer Priester aus Indien, uneingeschränkt zu. Im Slum von Mumbai unterstützt er Menschen in ihrem täglichen Überlebenskampf um Versorgung mit Nahrung und sauberem Wasser, aber auch bei der Erlangung beruflicher Fähigkeiten. Die UN-Agenda 2030 ist „ein Aufgabenkatalog, für das was ich täglich zu tun habe“, sagt er. Während der Tagung hat sich seine Überzeugung gefestigt, stärker an den Ursachen der Armut arbeiten zu müssen, nicht nur die Symptome zu bekämpfen. Beim Besuch der kirchlichen Jugendwerkstatt in Gießen ist ihm bewusst geworden, dass „ich den Menschen nicht nur helfen muss, handwerkliches Können zu erlernen, sondern auch die Fähigkeit, sich am Arbeitsmarkt zu präsentieren“.

Dekan Becher will sich nun dafür einsetzen, dass die Gespräche über die Agenda der Vereinten Nationen auch in den evangelischen Gemeinden und Einrichtungen in und um Gießen fortgesetzt werden. „Eins muss uns doch klar sein; auch wir sind entwicklungsbedürftig, solange es in Plastik und Styropor verpacktes Billigfleisch aus ungesunder Massentierhaltung gibt.“


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