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Ökumene 2017

Das Reformationsjubiläum und die Ökumene

Bedford-Strohm und der Papst geben sich die Hand

Bei seiner Papst-Audienz am 6. Februar überreichte Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Papst Franziskus ein Exemplar der neu übersetzten Lutherbibel.

Die Römisch-Katholische Kirche und die Evangelische Kirche in Deutschland werden am Samstag, 11. März 2017, in Hildesheim gemeinsam einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern. Damit wollen die beiden Kirchen im Jahr des Reformationsjubiläums ihre Aussöhnung fortsetzen.

Inwieweit Ökumene und Reformationsjubiläum zusammenpassen, darüber haben in den letzten Wochen Theologen zum Teil gegensätzliche Meinungen vertreten. So hat Ende Februar der katholische Pfarrer Thomas Strieger in den Morgenandachten im Deutschlandfunk von seinen ökumenischen Wegstationen erzählt. So  berichtete er von seiner jugendlichen Unbekümmertheit beim Thema Ökumene: Zum Beispiel habe er erlebt, dass sich katholische und evangelische Jugendliche ganz selbstverständlich in gemeinsamen Projekten engagiert haben. Er selbst habe als junger Katholik bedenkenlos am evangelischen Abendmahl teilgenommen.

Beim Stichwort Ökumene stehen für den katholischen Pfarrer nicht die Bedenken im Vordergrund: „Ich prüfe auch heute nicht den ganzen langen Weg der Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Tradition. Sondern ich überlege mir, was wohl im Sinne von Jesus wäre."

Gemeinsamkeiten und Differenzen im Jubiläumsjahr

Auch im Jubiläumsjahr der Reformation scheinen die Gemeinsamkeiten der beiden großen christlichen Konfessionen deutlicher zutage zu treten als die Differenzen.

„Versöhnung und Dialog" stehen im Zentrum einer gemeinsamen Erklärung der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland zum 500. Reformationsjubiläum. Im September 2016 haben der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, das Gemeinsame Wort „Erinnerung heilen - Jesus Christus bezeugen" vorgelegt. Das Jubiläum solle in „Bereitschaft zu Vergebung und Aufbruch" begangen werden, heißt es im Text. „Um das rechte Verständnis der Wahrheit des Evangeliums" müsse aber weiter gerungen werden.

Gegen eine ökumenische Feier des Reformationstages am 31. Oktober 2017 hat sich der evangelische Theologieprofessor und Luther-Biograf Thomas Kaufmann im Januar  ausgesprochen. In einem Gastbeitrag für die „Zeit"-Beilage „Christ und Welt" äußerte er sich skeptisch zu den ökumenischen Planungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum 500. Jahrestag der Reformation.

Schon gar nicht sollte der Reformationstag künftig jedes Jahr ökumenisch gefeiert werden, denn das hieße, den Reformationstag „definitiv aufzugeben". Die konfessionelle Spaltung sei ein sperriger Prozess über mehrere Jahrhunderte gewesen, der nicht nur die Religion sondern auch die deutsche Geschichte und auf vielfältige und dauerhafte Weise geprägt habe. Und noch immer sei die Religionskritik ein „legitimes Element unserer Zivilisation."

„Ökumene des Einspruchs”

In einem Vortrag bei einer Konferenz des Evangelischen Dekanates Bergstraße Ende Februar sagte die Direktorin des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim, Dr. Mareile Lasogga, dass die Ökumene im Jahr des Reformationsjubiläums medienwirksam in Szene gesetzt werde. So zum Beispiel durch den Besuch der EKD-Delegation beim Papst im Februar dieses Jahres, der auch Kirchenpräsident Dr. Volker Jung angehörte. Diese Bilder täuschten aber über den fundamentalen Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Kirche hinweg.

Lasogga betonte, dass es seit 500 Jahren eine Deutungsalternative zur katholischen Kirche gebe. Das Reformationsjubiläum sollte nach ihrer Ansicht genutzt werden, um sich über das evangelische Glaubens- und Kirchenverständnis zu vergewissern. In der ökumenischen Debatte plädierte Lasogga für den „Mut zur Differenz“ und eine „Ökumene des Einspruchs“.

„Das Zeitalter der Ökumene hat den Blick geweitet”

Für Dr. Jörg Bickelhaupt, Referent für interkonfessionellen Dialog im Zentrum Ökumene, stellt sich gar nicht die Alternative, ob das Reformationsjubiläum ökumenisch oder eher mit dem Fokus auf die Unterschiede begangen werden soll.

„Wir leben im Deutschland von 2017 nicht mehr in konfessionell weithin einheitlichen Territorien wie ansatzweise noch 1917. Das Zeitalter der Ökumene hat den Blick geweitet – unter anderem darauf, dass die Reformation alle Christen und Kirchen verändert hat. Zudem geht es in einer zunehmend säkularen Gesellschaft für die Kirchen darum, gemeinsam auf dieses Ereignis zu blicken – und sich wechselseitig ihre differenzierten Sichtweisen und Geschichten zu erzählen.

Natürlich diene ein solches Jubiläum auch protestantischer „Selbstvergewisserung“, so Bickelhaupt. Auch bedürfe es des „Mutes zur Differenz“ (M. Lasogga), allein schon deshalb, „weil in der Ökumene nur diskursfähig ist, der weiß, wofür er steht und weil es um einen angemessenen Umgang mit der vorfindlichen Vielfalt geht, gegebenenfalls auch um das Aushalten noch trennender Differenz.“

Rechtfertigung und Freiheit

In den Kirchen würden die unterschiedlichen Kirchen- und Amtsverständnisse selbstverständlich diskursiv erörtert, auch die theologischen unterschiedlichen Auffassungen, wie sie sich unter anderem in Luthers Rechtfertigungslehre widerspiegeln.

Die ökumenische Herausforderung dreht sich aus Sicht Bickelhaupts „im Kern um den notwendigen (und sicher streitigen!) gesellschaftlichen Diskurs um die Bedeutung von ‘Freiheit‘: dass der Mensch mehr ist als ein Konsument, mehr als der Wert seiner Arbeitskraft, als sein Ansehen oder sein Besitz oder auch als die Summe seiner Gene.“

Pluralität in christlicher Gemeinschaft leben

Bickelhaupt sieht gerade beim Thema „Freiheit“ nach wie vor auch unterschiedliche Verständnisse zwischen den Kirchen. Diese seien zu bearbeiten, hinderten aber nicht an einem gemeinsamen Agieren: „Differenz und Gemeinsames aufeinander beziehen, sichtbar gelebte Pluralität als Paradigma christlicher Gemeinschaft in unserer und für unsere Gesellschaft - genau darum geht es!“

 

Der Buß- und Versöhnungsgottesdienst in der Michaeliskirche in Hildesheim, der am 11. März ab 17 Uhr live von der ARD übertragen wird, ist Teil des Prozesses „Healing of Memories” (Heilung der Erinnerungen), auf den sich Protestanten und Katholiken verständigt haben. Damit wollen die Konfessionen zum ersten Mal ein Reformationsjubiläum nicht zur Abgrenzung, sondern zur Annäherung nutzen.


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